das Mercedes projekt

IMG_1470







Ein dreissigjähriger Dornröschenschlaf- Der Bericht einer Wiedererweckung

Als ein im Jahr 1956 Geborener, war der Mercedes Ponton, das Luxusauto meiner Kinderjahre. Es gab nur wenige Autos auf den Straßen und wenn einmal ein Mecedes dabei war, erregte er Aufsehen. Ich verliebte mich schon als Kind in die runden Formen und die offensichtlich gediegene Ausstattung.

Als dann, als Nachfolger das Heckflossenmodell kam, war ich enttäuscht. Die wunderschöne, runde, erotische, eigenständige Form war zugunsten der "modernen" amerikanischen Raketenattribute wie- die aggressiven Heckflügel- aufgegeben worden. Jedenfalls wurde die Pontonform, Jahre später, in der E-Klasse wieder in den hinteren Radkästen zitiert, der Heckflügel jedoch nie.

Als Jugendlicher, während meiner Betriebstechnikerausbildung, war ein Mercedes ein unerreichbares Traumobjekt. Erst später 1978, als ich an der Akademie der bildenden Künste studierte und die Preise der mittlerweile in die Jahre gekommenen Pontons sich in Richtung Studentenbudget näherten, war eine Anschaffung eines solchen "Alten" in greifbare Nähe gerückt.

Ich machte mich auf die Suche und im Weinviertel, in einer kleinen Werkstätte, wurde ich fündig. Da war er, mein Traum aus Kindertagen. Ein Mercedes Ponton 190Db Baujahr 1960 vier Jahre jünger als ich, mit bereits fünf Vorbesitzern und nicht mehr festzustellendem Kilometerstand. Sein Zustand war optisch-technisch ganz gut aber rostmäßig gab es große Schäden. Aber ich war überglücklich mit meinem alten 50PS Dieselkocher. Schnell fahren oder Ps sammeln war nie meine Sache.

Im Sommer 1979, konnte ich mit einem befreundeten Mechaniker die schon sehr unansehnlichen gewordene Lackierung erneuern. Klassisch zweifärbig, Bordeauxrot am Dach und Ocker unten. Allerdings war das eine Schnelllackierung ohne große Demontage der Zierleisten, Fenster u.s.w. Aber alles glänzte und sah wunderschön aus. 

Immer wieder machte ich kleine und größere Entrostungen, Ergänzungen und Schweißarbeiten. Es war eine ewige Bastelei. Aber es blieb halt alles halbherzig und war ein permanenter Kampf mit der jährlichen TÜF-Überprüfung. 

Die ultimative Belastungsprobe in unserer Beziehung stellte jedoch der Riss der Steuerkette dar. Es war für mich eine Katastrophe. Ich konnte mir nicht vorstellen dieses Unglück wieder reparieren zu können. Immer in studentisch permanenter Geldnot, war eine Mercedes-Werkstatt die einen solchen Schaden beheben konnte, der Ort absoluten Tabus. Unsere Liebesbeziehung schien an einer gerissenen Steuerkette zu scheitern. Als ich mich schon damit abgefunden hatte, den letzten Weg, nämlich zum Schrottplatz zu gehen, kam die Lösung wie vom Himmel gesendet. Christian, der jüngere Bruder meines Schulfreundes Peter, war damals Mechaniker- Lehrling im dritten Jahr in einer Mercedes-Werkstätte. Er hörte von meinem Problem und konnte mir einen 1A generalüberholten, neu gelagerten, genau passenden Motorblock, der in dieser Werkstatt schon lange als Ladenhüter im Weg gelegen war, zu einem Traumpreis besorgen. Noch dazu bot er sich an, auch gleich den Einbau zu machen. Ich war gerettet. Alles ging gut und nach einem Wochenende hatte ich meinen Merc mit praktisch neuem Motor neuer Kupplung und schöner Lackierung wieder. Heute ist dieser Mercedesretter selber Meister und hat seine eigenen Werkstätte.

Die weitere Entwicklung unserer Beziehung ist ganz klassisch. Ich lernte Brigitte kennen und das Verhältnis zu meinem Ponton kühlte ab. Mein Studentenauto musste nach meiner Heirat und der Geburt unseres Sohnes, einem praktischen, verlässlichen Familienauto weichen. Allerdings konnte ich mich nie von meinem Merc trennen. Er kam in eine Scheune und wurde auch bei einer Übersiedlung in unseren alten Bauernhof mitgenommen. Dort verfiel er in einen 25jährigen rostfördernden Dornröschenschlaf.

Vor nunmehr drei Jahren stellte sich die Frage wie es weitergehen soll. Zum Autometzger- oder restaurieren. Ich überließ die Entscheidung einem Gottesurteil. Wenn er anspringt wird restauriert, wenn nicht- zum Metzger. Nach gutem Zureden und dem dritten Startversuch nagelte mein Alter wie in früheren Zeiten! Mit altem Diesel- und Motoröl! Dieser Motor hat ja Dank des Tausches, vor über dreißig Jahren, nur 45 tkm, also gerade einmal gut eingefahren!

Also schob ich das Auto am 11. November 2012, in mein Bildhaueratelier das kurzerhand in eine Autowerkstätte umfunktioniert wurde und begann mit dem Abenteuer "Mercedesrestaurierung". Und zwar von Grund auf, nicht so wie vor Jahren, als nur "drüberlackiert" wurde.

In der ersten Zeit wurde nur zerlegt. Alles kam runter und raus. Türen, Fenster, komplettes Innenleben, Motor, Achsen, Lenkung, es blieb nur noch das Gehäuse stehen.

Die einzelnen Komponenten wurden bis in die Einzelelemente  wieder gängig gemacht, gereinigt, entrostet, und rostgeschützt, Verschleißteile mit originalen Reparatursätzen ersetzt.

Die Karosserie wurde von etlichen Schichten Unterbodenschutz und alter Farbe befreit, chemisch entrostet und alle durchgerosteten Stellen ergänzt und geschweißt. Ich baute von Grund einen neuen Farbaufbau auf.

Die Lenkung wurde komplett neu gelagert, der Lenkungsdämpfer getauscht, die vorderen Federn waren gebrochen und wurden erneuert. Der Stabilisator wurde neu gelagert. An der Hinterachse wurde die Achsmanschette getauscht. 

Am Motor musste ich, dank der Vorarbeit von vor über 25 Jahren, nichts machen. Nur reinigen, mit Spezialfarbe streichen, Öl und Filter wechseln. Die Verschleißteile wie z.B. alle Kugelköpfe am Gas- und Schaltgestänge wurden ersetzt.

Am Getriebe und Differenzial wurden die Achswellendichtungen getauscht, sonst war nur ein Ölwechsel angesagt.

Die gesamte Bremsanlage wurde neu gemacht. Alle Manschetten, Dichtungen, Federn, Bremsbeläge, Bremsleitungen und Verschraubungen kamen neu.

Die Lichtmaschine und der Laderegler wurden gegen originale, neue getauscht, der Starter mit neuen Kohlen versehen.

Der korrodierte Dieseltank wurde ausgebaut und gedichtet, sowie alle Kraftstoffleitungen erneuert.

Selbstverständlich wurden alle Gummiteile am Fahrgestell, die Getriebe- und  Motorhalterungen getauscht.

Der Kühler war innen so stark verkalkt, dass ein neues Kühlernetz eingelötet werden musste, die originale Kühlleistung wurde damit wieder erreicht.

Die Türen wurden total zerlegt, entrostet, geschweißt, alle Fensterführungen, Dichtungen und Abdichtschienen erneuert und mit neuen Montageklammern wieder eingebaut.

Alle Zierleisten wurden, wenn möglich aufgearbeitet oder gegen entsprechenden Ersatz getauscht und mit originalen Federklammern neu montiert. 

Im Original war mein Ponton grau lackiert. So beschloss ich, wieder den alten Farbton zu verwenden. Allerdings in der damaligen Luxusversion zweifärbig- unten hellgrau mit dunklem Dach! Die Lackierung wurde von einem Profi mit meiner Schleif- und Hilfsarbeit ausgeführt.

Zu den schönen Grautönen bot sich als farbliche Auflockerung, Leder in klassischem Bordeauxrot.

Die komplett verrotteten Stoffsitzbezüge habe ich abgenommen, die Sitzgerüste entrostet, gestrichen, gebrochene Federn ersetzt und mit dem Leder neu beziehen lassen. Auch der Dachhimmel wurde in Originalmaterial und -farbe von einem Tapezierer neu genäht.

Auch die Türpappen waren total verrottet. Ich ersetzte die Pappen durch 3mm Polistyrolplatten, die ich im oberen Teil mit dem gleichen Leder wie die Sitze und unten mit Leder in gleichem Farbton wie der untere Aussenlack, bezogen habe. Beim neuen Teppichsatz entschieden ich mich für die Farbe Schwarz. So wurde auch der Innenraum komplett neu.

Der originale Kabelbaum war noch total in Ordnung und konnte unverändert verwendet werden. Alle Anschlüsse und Kontakte wurden aber kontrolliert, von Korrosion befreit und neu verschraubt.

Die Warzenblinker und Rücklichter wurden ersetzt.

Die Zierleisten, Griffe und Schlösser habe ich aufgearbeitet oder durch gute, gebrauchte ersetzt. 

Die beiden breiten Stoßstangen waren durch die lange Stehzeit so angerostet, dass sie nicht mehr zu retten waren. Ich konnte aber beinahe neuwertige, gebrauchte auftreiben. Eine zarte Altershandschrift ist jedoch merkbar. Zum Schluss wurde ein neuer Unterbodenschutz aufgetragen und ein ordentlicher Hohlraumschutz eingebracht.

Bei dieser Komplettrestaurierung zeigte sich einmal mehr, die konstruktive und materielle Qualität, in der vor sechzig Jahren Autos gebaut wurden. Alles ist in seiner Funktion klar zu erkennen, Konstruktionen und Sicherheitsfaktoren sind meist überdimensioniert und es wurden gediegene, stabile Materialien verbaut. Kunststoffe wurden nur ganz selten verwendet, wenn dann im Bereich der Elektrik. 

Karosserieblech 1mm, Messing, verchromtes Blech oder Aluminium poliert. Und alles für viele Jahrzehnte dimensioniert und nicht wie heute mit einem Ablaufdatum von wenigen Jahren. Wenn irgend möglich, habe ich Komponenten im Original behalten, nur bei abgenützten oder kaputten Teilen habe ich Originalersatzteile verwendet.

Die graue, zweifärbige Lackierung und die Bordeauxroten Ledersitze und die Innenausstattung entsprechen dem Flair der Sechziger Jahr.

Am 9. November 2015, also genau nach drei Jahren, mit 1278 Stunden Arbeit, konnte ich mit dem restaurierten Auto zum ersten Mal seit 1985, die Werkstätte verlassen und eine Probefahrt durch das Dorf machen.

Bei der endgültigen § 57 Überprüfung wurden "keine Mängel" festgestellt!

Bei einem Wertgutachten bekam ich für mein Auto die Zustandsnote "2" !

So konnte eine Kinder- und Jugendliebe nach über dreißig Jahren zu einer glücklichen Erfüllung finden.


Steckbrief:

Mercedes Benz, Ponton

Typ 190Db, W121

Viertakt Dieselmotor OM621

1 897 cm3, 50 Ps bei 4 000U/min, 1230 kg Eigengewicht,

hydraulische Innenbackenbremse auf alle vier Räder.

Gebaut von 1958 bis 1961.

Originalpreis 1959: 9 950,- DM





© Oswald Eschelmüller 2020